Ein Jahr schwarze und weiße Tasten – Eine Hommage

Daniel Coyle schreibt in seinem Buch „The Talent Code“ das es  manchmal eine Initialzündung braucht um etwas neues zu lernen und über sich hinauszuwachsen, ein Talent zu entwickeln.
Der Auslöser meiner Initialzündung war die Lektüre des im April 2021 erschienen Buches „Hauskonzert“ von Igor Levit und Florian Zinnecker.
Ich war damals schon seit Anfang Januar 2021 beruflich in Estland und hatte langsam doch Heimweh und sehnte mich nach Ruhe. Um der Welt und meiner harten und schroffen Arbeit zu entfliehen, las ich dieses Buch und hörte Igors 2019 aufgenommene 32 Klaviersonaten von Beethoven rauf und runter. Den Name Levit hörte ich im Oktober 2020 zum ersten Mal auf Twitter. Der Pianist, der in seinem Wohnzimmer am Flügel sitzt und so vielen Menschen hilft, für ein paar Minuten die Schwere der Corona-Pandemie zu ertragen und durchzuatmen. Das Buch las ich an nur einem einzigen Tag. Ich sog Igors Geschichte auf wie ein Schwamm.
Und dann kam die besagte Initialzündung. Das will ich auch können! Am Klavier sitzen und Menschen begeistern. Was für eine Vorstellung! – Auf einer Bühne an einem Steinway-Flügel zu sitzen und zu spielen, Menschen entfliehen für kurze Zeit der Realität und gehen danach voller Seligkeit aus dem Saal. Mit dieser Euphorie behaftet begann ein Jahr das mein Leben verändert hat.

Die ersten Versuche mit schwarzen und weißen Tasten begannen mit einer Klavierapp auf dem IPad. Nach wenigen Stunden konnte ich mit der rechten Hand den Anfang von Freude schöner Götterfunken spielen. Das fühlte sich toll an. Man drückt eine Taste und hat sofort Erfolg. Ich durchforstete das Internet nach Spielmöglichkeiten für Anfänger und stieß auf eine riesige Flut von Apps und Büchern. Ich lud mir fast alles was der Markt hergab zur Probe herunter und probierte mich aus. Es machte Spaß und steigerte meine Motivation.
In dem Hotel in dem wir untergebracht waren stand auch ein weißer Flügel und die Versuchung war groß sich daran zu setzten und meine ersten Gehversuche am Klavier zu präsentieren. An einem Abend setzte sich ein Italiener an den Flügel und spielte so wahnsinnig gut. Danach traute ich mich nicht auch nur den Flügel anzufassen. Wie sollte ich denn je so spielen lernen? Reicht meine entfachte Leidenschaft für das Klavier aus um weiter daran zu arbeiten, wenn es schon Stunden dauert, den Beginn der Anfängerversion von Smetanas Die Moldau zu lernen?
Ich achtete überhaupt nicht darauf, was ich in wenigen Tagen geleistet hatte. Ich hatte mir autodidaktisch grob das Notenlesen beigebracht und konnte die erste Oktave auf der Klaviatur benennen und wusste wo ich meine 5 Finger zu positionieren hatte. Ich konnte die ersten Anfänge von bekannten Melodien spielen und das auf einer App!

Freude schöner Götterfunkern Video

Die Moldau Video

Amazing Grace Video

Anfang Mai 2021 wieder zu Hause angekommen, kam der riesige Wunsch nach einem richtigen Klavier auf. Ich beschäftigte mich lang mit verschiedenen Modellen, schaute Werbevideos auf YouTube.
Jetzt bin ich ja eher der Mensch der oft fixe Ideen hat und sobald etwas schwierig wird auch schnell aufgibt, wenn der Erfolg ausbleibt und die Euphorie versiegt. Warum also über 800€ ausgeben, wenn die Gefahr besteht das es bald in der Ecke des Wohnzimmers verstaubt? Sie brauchen nur die Gitarre anzuschauen, die hier im Wohnzimmer steht. Ich wand mich tagelang hin und her. Legte Digitalpianos meiner Wahl in Warenkörbe auf den Internetseiten renommierter Musikhäuser und löschte sie wieder heraus. Unterhielt mich mit Freund:innen über meine Idee dieses Instrument zu erlernen und äußerte meine Bedenken bezüglich Durchhaltevermögen und Motivation.
Der ausschlaggebende Tritt in den Hintern kam von Sarah, die mir die berühmte Frage aus dem Lied von Bodo Wartke unter die Nase hielt: Was, wenn doch? Was wenn es das ist, was du schon immer wolltest? Was, wenn es genau das ist, was dich aus deinem Alltag holt und dich selig und glücklich macht? Ich wäre die Person, die seit sie mich kennt, so faszinierend, mit leuchtenden Augen, bei jeder Gelegenheit von pianistischen Geniestreichen spricht. Warum also warten und vielleicht später bereuen es nicht versucht zu haben?

Sie hatte so Recht. Ich war schon immer begeistert von klavierspielenden Personen. Ich war bei Ludovico Einaudi, Joja Wendt und Bodo Wartke im Konzert und rockte zur Musik von Jerry Lee Lewis. Im Oktober 2020 kam dann Igor Levit dazu, dessen Buch ich an alle mir wichtigen Personen verschenkt habe, ob sie wollten oder nicht und ich steckte alle mit meiner Begeisterung an. Dazu kam noch die große Liebe zu Beethoven den ich plötzlich in einem anderen Licht zu sehen schien. Bevor ich die Klaviersonaten- und Konzerte gehört hatte empfand ich die Musik als zu wütend und brutal.

24 Stunden nach diesem Gespräch kam es bei mir zu Hause an. Ein Digitalpiano Yamaha P-125 BK. Es war Liebe auf den ersten Blick. 88 anschlagdynamische Tasten, einem Konzertflügel nachempfunden mit authentischem, räumlichen Klang. Ich strich am Anfang oft einfach nur darüber.

Die beiden Apps Tomplay und Flowkey bargen eine wahre Schatzgrube an Spielmöglichkeiten für Beginner. Gut erklärt und schnell erfolgsversprechend. Sie erkennen ob du die richtigen Tasten drückst und erlauben es beide Hände separat zu trainieren, die Geschwindigkeit zu reduzieren und geduldig im Wartemodus zu verharren während man die richtige Taste sucht. Immer sehnsüchtig die Profiversionen betrachtend, lernte ich schnell die wichtigste Lektion beim Klavierspielen. Man braucht Unmengen an Geduld und Ausdauer. Mein Ziel war es die Leichte Stufe von Smetanas – Die Moldau beidhändig spielen zu können. Ein so wundervolles Stück, Fließendes Wasser in Musik verwandelt. Schnell stieß ich an meine Grenzen. Die erste Hürde war die Bassnoten zu erlernen und dann kam diese verrückte Sache mit den Händen die beide etwas anderes spielen sollen. Es klang alles total steif und meine Hände sahen aus wie kleine Spinnen im Angriffsstellung.Ich durchforstete einige Foren und stieß auf Schlagworte wie „Muskel- und Langzeitgedächtnis“.
Außerdem wird fast immer ein Klavierlehrer/lehrerin empfohlen. Doch die Suche danach erwies sich als schwierig. Ich wollte nicht in eine Musikschule mit Massenabfertigung bei der man ein Buch vorgelegt bekommt und es Stück für Stück abarbeitet.
Allein Klavier spielen lernen kann man mit Büchern und Apps zwar aber ich wollte das richtig angehen.
Auf Instagram fand ich, genau wie die riesige Büchergemeinschaft hunderte Klavierspieler:innen und obwohl ich den Algorithmus dieser Social Medium Plattform oft verfluche, spülte es mir eine Klavierschule in die Timeline. Direkt in Neuburg an der Donau, die Stadt in der ich seit 9 Jahren lebe.

Mit dem öffnen der Studiotür vom Piú Piano betrat ich eine neue Welt.
Das Studio befindet sich einem wundervollen kleinen Eckhaus mit einer begrünten Terrasse zwischen zwei Gassen. Die Wände mit Bildern von Weltrangpianist:innen wie Martha Argerich, Glenn Gould, Arthur Rubinstein und Stanislav Richter (kannte ich alle bis dahin nicht) behangen, fällt der Blick sofort auf die zwei Konzertflügel im Raum. Ich hatte einen Termin abgemacht und in der Wartezeit ein bisschen auf der Homepage und Instagram gestöbert.
Olivia Friemel-Hurley und James Hurley gründeten das Piú´s im Herbst 2015, eine bilinguale deutsch/kanadische Klavierschule im Herzen von Neuburg. Beide haben am New England Conservatory in Boston Klavier studiert, eines der bedeutendsten Konservatorien der Vereinigten Staaten.
Mit diesem Wissen und flauem Magen und kalten schwitzigen Händen ging ich also zur Probestunde. Was erwartet denn ein Profi-Pianist von einem? Das war ein Gefühl, als ob ich bei Igor Levit persönlich vorspielen müsste.
Begrüßt wurde ich von James auf Englisch. Ich kramte in den Tiefen meiner Schulenglischkenntnisse und versuchte so gut es geht auf seine Fragen zu antworten. Die Dreiviertel Stunde verging wie im Flug und obwohl ich an diesem Tag keine einzige Taste gedrückt hatte, wusste ich jetzt wie man am Klavier richtig sitzt (da muss eine Katze auf dem Schoß Platz haben ) und trommelte danach ständig Takte aufs Lenkrad oder auf dem Oberschenkel im Auto zur Radiomusik und flüssterte TaKaDiMi vor mich hin.
Seit diesem Tag dreht sich fast alles nur noch um Musik und Klavier in meinem Leben. Jede Unterrichtsstunde ist eine Ehre, an diesem fantastischen Bösendorfer Flügel zu sitzen und Schülerin eines Profis und dieser Klavierschule zu sein.
Zwischen dem anfänglichen Drücken einer einzelnen Taste ,dem Erlernen die Arme und Handgelenke wie Pudding fallen zu lassen und der ersten Invention von Johann Sebastian Bach lag eine unfassbar interessante Zeit.
Ich habe Sasha Korsantia, den Lehrer von Olivia und James, life in Ingolstadt spielen sehen. Ich habe gelernt was Macrobeats, Microbeats und Pentatonik ist. Konnte mir nicht vorstellen jemals Noten lesen zu können. (Eigentlich super easy) Habe die Biografien von Svatoslav Richter und Arthur Rubinstein gelesen. Komme nach jeder Unterrichtsstunde mit einer neuen Buchempfehlung nach Hause. (Lest bitte alle Mastery von George Leonard!!!) Ich kann das erste Stück von Beethoven und die Romance aus der Jazzsuite von Dimitri Shostakovich. Es läuft hauptsächlich nur noch BR-Klassik im Radio. Ich habe am eigenen Leib erfahren was Lampenfieber bedeutet und das man dabei komplett die Kontrolle über seine Hände verliert. (Ich stand dabei nicht auf einer Bühne) Bin begeistert von der Kunst der Improvisation und liebe Keith Jerritt und Brad Mehldau. Habe den unfassbar guten Omer Klein live in München gesehen. Es gab zwei wunderbare Masterclasstreffen im Piú`s mit super sympathischen Mitschülern. Doch das Beste ist,ich darf mich ausprobieren. Es ist nichts verboten. Warum auch? Man stößt automatisch an seine Grenzen und legt Stücke erstmal wieder zur Seite. Piú heißt Mehr und das ist dieses Studio auch, eine andere Welt.

Ich habe seitdem irgendwie das Bedürfnis, alles nachzuholen was ich aus der Musik-und Klavierwelt offensichtlich verpasst habe. 10000 Übungsstunden bis zum Profi hole ich nicht auf aber ich bin vernarrt in diese neue Welt und es gab bis heute keinen Tag an dem ich nicht wenigsten ans Klavier gedacht habe.
Eine Hommage an alle Musiker:innen, Klavierlehrer:innen und Schüler:innen, anschubsende Freundinnen und die Erfinder:innen des Hammerklaviers.
Auf zum 2. Lehrjahr!

Veröffentlicht in: Piano

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