Marie Darrieussecq / Unser Leben in den Wäldern

Verlag: Seccession Verlag für Literatur, Zürich
erschienen: 2019
Seiten: 110
Übersetzt von Frank Heibert
Kosten: 18,00€

Klappentext: Unser Leben in den Wäldern führt uns in eine gar nicht so ferne Zukunft, wo wir es vermutlich ganz normal finden werden, dank implantierter Technik ständig »online« zu sein, smart vernetzt mit Wohnung, Verkehrsmitteln, Arbeit und den staatlichen Autoritäten. Was aber geschieht mit uns, wenn wir in einer Gesell- schaft leben, in welcher der technische Fortschritt und Turbo-Kapitalismus auf die Spitze getrieben sind? In der Klone uns als lebende Ersatzteillager für Organe dienen? In der Roboter den Großteil der Arbeit übernehmen? In der die Unter- scheidungslinie zwischen KI-Affen und Menschen zu verschwinden droht?
Die wenigen Rebellen, denen dämmert, was für eine Realität tatsächlich hinter dem System steckt, flüchten sich in die Offline-Welt der Wälder. Und dort schreibt Marie, ehemalige Psychiaterin, mit Bleistift und Papier ihre Aufzeichnungen: ein in aller Eile verfasster Bericht vom Leben, von der Liebe, vom langsamen Be- greifen einer fast undurchschaubaren Überwachungsdiktatur, wo eliminiert wird, wer – wie sie – zu viel fragt. Sie schreibt ins Ungewisse hinein, voller Hoffnung, irgendwer könnte irgendwann ihren Mahnruf lesen, der den letzten glühenden Funken freien menschlichen Willens bezeugt. Ein fulminanter Text, verzweifelt, wütend, geprägt von schwarzem Humor – aus einer Zukunft, die sich erschreckend logisch aus unserer Gegenwart speist

> Ich weiß nicht, ob mir das guttun wird, es aufzuschreiben, aber ich sehe jetzt. Ich sehe, was man uns angetan hat. Ich spüre es. Mit dem Rest des Körper, der mir geblieben ist.<<


Als Erstes ist die Qualität des Buches sehr erwähnenswert. Hochwertiges Papier und allgemein die Aufmachung der Bücher des Verlags, lassen diesen zu einem meiner Lieblingsindieverlage werden.

Im Klappentext wird schon sehr viel über diese Dystopie verraten. Deswegen gehe ich auch gar nicht so sehr auf den Inhalt ein. Den Schreibstil habe ich sehr gemocht. Die Ich-Erzählerin Marie nimmt uns mit in ihre Welt, indem sie leicht gehetzt aufschreibt, was ihr widerfahren ist. Scheinbar für die Nachwelt schreibt sie ihre Geschichte auf, als Warnung oder als der einzige Teil von ihr der noch übrig bleiben wird, in einer Welt, in der nichts mehr nicht online stattfindet.

>Das Ganze hat schon seine Logik: Da sitzen wir unter den Bäumen mit unseren oldschool Heften und unseren alten, von der Feuchtigkeit welligen Schinken, die aus derselben Zellulose bestehen wie unser Laubdach und nur bei Tageslicht oder Mondschein lesbar sind. Weder elektrifiziert noch online noch ständig und von allen Seiten beleuchtet.<<

>Wenn man nicht mehr dauerhaft online sein will, muss man sich als Erstes abgewöhnen, die eigenen Hände als Maus einzusetzen.<<

Jetzt, wo es bei uns schon Gesichtserkennung, Gestensteuerung und gläserne Geräte, wie Alexa, gibt, ist die Geschichte von Marie schon atemberaubend und sehr aufwühlend. Außerdem geht es um ein hochpolitisches Thema, dass auch bei uns gerade in aller Munde ist. Lest selbst! Ihr werdet mir wieder sagen, dass dieses Buch noch lange nachklingt.

Ich habe übrigens seit langer Zeit ein Wort gelesen, dass ich aus meiner Kindheit kenne: Zimperliese. Marie erklärt oft für die Nachwelt Begriffe oder Personen, die wohl offensichtlich in Vergessenheit geraten sind.

Beim Lesen bekommt man schon ein wenig Angst vor der Zukunft. Eine sehr lesenswerte Dystopie.

Beitrag unter dem #LinkPARTY zu finden bei Monerl Link Nummer 25

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.